Als Vergeltung für die Erschießung von indischen Hindu-Touristen in Kaschmir durch eine islamistische Terrorgruppe im April 2025 drohte Indien dem verfeindeten Nachbarstaat Pakistan mit Austrocknung. "Wir werden sicherstellen, dass nicht ein einziger Tropfen Wasser des Indus Pakistan erreicht", hatte Indiens Wasser-Minister C.R. Paatil am 25.04.25 großmäulig verkündet. Und Pakistan keilte zurück: „Entweder fließt Wasser den Indus hinunter – oder ihr Blut!“ Zuvor hatte Indien bereits die Kündigung des sogenannten Indus-Abkommens erklärt.
„Dabei geht es um die Nutzung des Indus und seiner Nebenflüsse, auf die beide Länder - besonders aber Pakistan - angewiesen sind. Der Indus entspringt in Tibet, fließt durch das indische Kaschmir-Gebiet und dann lange durch Pakistan bis zur Mündung ins Arabische Meer. Das Abkommen war 1960 geschlossen worden und hatte zwei Kriege zwischen den Nachbarstaaten überstanden“,
berichtete der BR am 25.04.25. Pakistan stufte die Aussetzung des Wasservertrags als „Kriegshandlung" ein und drohte mit entsprechenden Gegenmaßnahmen. Das Bewässerungswasser aus dem Indus ist für die Landwirtschaft in Pakistan essenziell.
Über die Historie und Fragilität des Wasservertrages zur Aufteilung des Induswassers zwischen den beiden Atommächten Indien und Paktistan informiert der nachfolgender Aufsatz unseres Mitarbeiters Swapnil Yadav mit Stand von 2020.
Steht das Indus-Wasserabkommen vor dem Scheitern?
oder:
Kann das Indus-Wasserabkommen erfolgreich weitergeführt werden?
Angesichts von drei Kriegen zwischen Indien und Pakistan erstaunt es viele Außenstehende, dass das indisch-pakistanische Abkommen über die einvernehmliche Nutzung des Induswassers bis jetzt alle Krisen überstanden hat. In diesem Beitrag wird die Erfolgsgeschichte des Abkommens erläutert und darüber berichtet, dass das Abkommen jetzt doch in Gefahr des Scheiterns gerät.
Indien und Pakistan sind zwei Länder, die sich rasant entwickeln und ein drastisches Bevölkerungswachstum verzeichnen (siehe Abb. 1). Aufgrund der Bevölkerungsexplosion steigt der Nahrungsmittel- und Energiebedarf beider Länder rapide an, womit auch der Druck auf die Wasserressourcen steigt. Durch Missmanagement in der Wasserbewirtschaftung sehen sich beide Länder mit zukünftigen Wasserkrisen konfrontiert. Sogar die Asiatische Entwicklungsbank hat in einer ihrer Veröffentlichungen (Thinking about Water Differently: Managing Water-Food-Energy Nexus) prognostiziert, dass Indien im Jahr 2030 25 Prozent weniger Wasser pro Jahr zur Verfügung haben wird, falls Indien keine massive Trendwende in der gewohnten Wassernutzung gelingt. Dieses Szenario macht das Indus-Wasserabkommen noch wichtiger und gleichzeitig fragiler, da beide Länder Wasser aus dem Indus-Einzugsgebiet gemeinsam nutzen. Der wachsende Wasserbedarf und die begrenzte Verfügbarkeit von Wasser können gleichwohl zu Spannungen im politischen Verhältnis der beiden Länder führen.
Der Indus hat seinen Ursprung in Tibet und fließt durch Indien und Pakistan in das Arabische Meer. Bezogen auf den jährlichen Wasserdurchfluss liegt der Indus an 21ster Stelle der größten Flüsse der Erde; er wird von fünf großen Nebenflüssen gespeist. Indien und Pakistan unterhalten als Nachbarländer komplizierte politische Beziehungen. Die beiden Länder hatten in den letzten 59 Jahren drei Kriege (1965, 1971 und 1999) und zahlreiche andere Konflikte zu verzeichnen. Beide Länder haben das Indus-Wasser im Rahmen des Indus-Wasserabkommens friedlich geteilt, was es zum erfolgreichsten internationalen Wasserverteilungsabkommen der Welt macht. Die derzeitigen politischen Beziehungen der beiden Länder sind durch große Spannungen belastet, was die Stabilität des Abkommens gefährden kann. Um die gegenwärtige Situation zu verstehen, sollten wir uns in die Vergangenheit begeben und den Ursprung des Abkommens näher betrachten.
1947 brachte die Unabhängigkeit von England die Trennung von Indien und Pakistan mit sich. Diese neuen Grenzen trennten alles außer den Flüssen, die durch beide Länder fließen. Da der Indus und seine Nebenflüsse aus Indien kommend nach Pakistan fließen, herrschte in Pakistan die große Unsicherheit, dass Indien in Zukunft die Flüsse stoppen oder durch den Bau großer Staudämme umleiten könnte. Verdacht und Misstrauen zwischen beiden Ländern führten zu zahlreichen Streitigkeiten im Zusammenhang mit Wasser. 1951 trat die Weltbank als Vermittler auf und bot finanzielle und technische Unterstützung zur Beilegung dieser Streitigkeiten an. Die Weltbank erweiterte ihre Rolle, um eine stärkere Entwicklung zu ermöglichen. In ständigen Verhandlungen über einen Zeitraum von neun Jahren haben beide Länder am 19. September 1960 dem Indus-Wasserverteilungsabkommen zugestimmt. Die Weltbank wurde der dritte Unterzeichnungspartner des Indus-Wasserabkommens; sie verpflichtete sich, die Sicherung des Abkommens zu begleiten. Im Rahmen des Abkommens wurden die Ost-Flüsse Indien zugesprochen. Indien musste Pakistan erlauben, in den nächsten zehn Jahren Wasser aus den Ost-Flüssen zu entnehmen (von 1960 bis 1970). Diese Vorkehrung wurde getroffen bis Pakistan ein Kanalsystem für die Bewässerung durch die West-Flüsse entwickelt hätte, die Pakistan im Abkommen zugesprochen wurden. Zur Deckung der Kosten für die Kanalarbeiten in Pakistan leistete Indien auch einen festen finanziellen Beitrag (62 Millionen Pfund Sterling) . Indien zahlte trotz des Indo-Pak-Krieges von 1965 weiter.
Mit dem Indus-Wasserabkommen wurde ein Mechanismus ins Leben gerufen, der eine Zusammenarbeit und einen besseren Informationsaustausch über die Wassernutzung zwischen den beiden Ländern gewährleisten soll. In das Abkommen wurden sechs Flüsse des Indus-Einzugsgebietes einbezogen (siehe Abb. 2). Diese sechs Flüsse wurden in zwei Gruppen unterteilt:
Da die West-Flüsse aus Indien nach Pakistan fließen, erlaubt das Abkommen auch Indien das Wasser dieser Flüsse zu nutzen, aber das nur eingeschränkt. Indien durfte nur bis zu 20 Prozent des in den West-Flüssen fließenden Wassers verbrauchen. Der Wasserverbrauch ist für begrenzte Bewässerungs-, Haushalts- und Industriezwecke sowie nicht verbrauchende Zwecke zulässig. Die Nicht-Verbrauchsnutzung umfasst die Schifffahrt, die Fischzucht, schwimmender Holz- und Eigentumstransport sowie die uneingeschränkte Nutzung zur Stromerzeugung.
In diesem Abkommen werden Flüsse einfach geteilt, anstatt eine Strategie zur Aufteilung des Wassers zwischen den beiden Ländern zu entwickeln. Dieser Vertrag sollte in seinem historischen und politischen Kontext verstanden werden. Das Abkommen ist jedoch alt und der Inhalt des Abkommens wurde nicht verbessert, auch wenn Erkenntnisse und Einsichten sich in verschiedenen Bereichen im Laufe der Zeit fortentwickelt haben. Es ist anzumerken, dass sich seit den 1960er Jahren auch die globalen Umweltrichtlinien stark verändert haben. Das Abkommen befasst sich nicht mit der Entwaldung oder den Auswirkungen der Verschmutzung durch industrielle oder landwirtschaftliche Abflüsse auf die Wasserqualität. Es gibt auch keine Beschränkung für die Anzahl der Staudammbauten und das Abkommen berücksichtigt keine Änderung der Wasserverfügbarkeit aufgrund des Klimawandels.
Dennoch sind die folgenden Gründe ausschlaggebend für den Erfolg des Abkommens:
• Indien und Pakistan sind Entwicklungsländer und auf globale Unterstützung angewiesen, insbesondere auf die Entwicklungsfinanzierung der Weltbank.
• Pakistan liegt im unteren Becken des Indus. Dies bedeutet, dass jedes Projekt, das Pakistan unternimmt, den Wasserfluss in Indien nicht beeinflussen kann. Auf der anderen Seite ermächtigt das Abkommen Pakistan, indische Projekte zu beschränken, um Bedenken Rechnung zu tragen, die Projekte könnten den Wasserfluss in Pakistan beeinflussen. Infolge des Privilegs hält Pakistan das Abkommen ein.
• In den letzten 59 Jahren stellte Indien zahlreiche Projekte ein, nachdem Pakistan seine Besorgnis über sie zum Ausdruck gebracht hatte. Trotz des grenzüberschreitenden Terrorismus und vieler friedensgefährdeter Vorkommnisse hat Indien das Indus-Wasserabkommen aufrechterhalten.
• Obgleich China Ansprüche auf Tibet geltend macht, aus dem der Indus stammt, ist China nicht Teil des Indus-Wasserabkommens, wodurch dieses gestärkt wird.
• Indien und Pakistan haben das Indus-Wasserabkommen eingehalten. Ihr Wille, das Abkommen zum Erfolg zu führen, hat sie im Laufe der Zeit dazu veranlasst, rechtliche Verfahren zur Beilegung von Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten einzuführen.
• Die Indus-Wasserkommission hatte es oftmals geschafft, Streitigkeiten auf dem Rechtsweg zu lösen.
Warum wird das Indus-Wasserabkommen erneut diskutiert? Der Grund sind zwei neue Projekte in Indien: die Wasserkraftprojekte Kishanganga und Ratle. 2007 startete Indien das Kishanganga-Projekt am Kishanganga-Fluss, einem Nebenfluss der Jhelum, und 2013 das Ratle-Projekt am Chenab-Fluss. Hierbei handelt es sich um Projekte zur Stromerzeugung aus Abflüssen, bei denen die kinetische Energie des fließenden Wassers für die Bewegung von Turbinen genutzt wird. Nach dem Kishanganga-Projektplan muss Indien das Flusswasser in das 22 km vom ursprünglichen Verlauf entfernte Wasserkraftwerk umleiten. Nach der Stromerzeugung wird das Wasser an einen anderen Zufluss des Jhelum in Indien abgegeben und dann über den Wular-See zum Jhelum zurückgeführt. Durch den Jhelum fließt Wasser stromabwärts nach Pakistan (siehe Abb. 3) .
Pakistan ist besorgt, dass diese Projekte gegen den Indus-Wasserabkommen verstoßen. Gemäß indischer Interpretation fallen die Bauarbeiten für dieses Projekt jedoch unter die vertraglich festgelegte Zusage zur nicht-verbrauchenden Wassernutzung. Aufgrund dieser Auseinandersetzung ging dieses Projekt an das Internationale Schiedsgericht (ICA) . 2013 entschied das Gericht in seiner endgültigen Entscheidung, dass Indien durch die Umleitung von Wasser nicht gegen den Indus-Wasserabkommen verstößt und somit dieses Projekt weiter verwirklichen kann. Das Gericht entschied auch, dass Indien selbst bei der Errichtung dieser Projekte sicherstellen muss, dass der Mindestwasserfluss im Kishanganga oder Neelum (wie der Fluss in Pakistan genannt wird) immer bei oder über 9 Kubikmeter pro Sekunde bleibt, damit negative Auswirkungen für die pakistanische Umwelt und auf pakistanische Wasserkraftprojekte vermieden werden. Das restliche Wasser kann von Indien zur Erzeugung von Wasserkraft genutzt werden. Dieser Streit konnte jedoch nicht beigelegt werden. Pakistan bat die Weltbank um die Einrichtung eines Schiedsgerichts (in Sache Rechtsgrundlage von Entscheidungen). Auf der anderen Seite bat Indien um die Ernennung eines neutralen Sachverständigen, da die Behauptungen Pakistans den technischen Teil der Projekte betreffen. Da die Weltbank durch das Abkommen nicht befugt ist, einen der beiden Mechanismen außer Kraft zu setzen, ermutigt die Weltbank beide Länder, sich einvernehmlich auf einen Mechanismus zur Lösung des Problems zu einigen. Seitdem wurden mehrere Treffen abgehalten, um den Streit zu lösen und einen geeigneten Mechanismus festzulegen. Bisher kam es jedoch noch zu keiner Beschlussfassung .
Vor dem September 2016 hatten Indien und Pakistan zahlreiche von der Weltbank organisierte Treffen zum Thema Indus-Wasser. Diese Treffen endeten ohne Beschluss, aber beide Länder wiederholten ihre Zusagen zur Aufrechterhaltung des Indus-Wasserabkommens. Während dieser Gespräche richtete sich am 18. September 2016 ein schwerer Terroranschlag gegen das Hauptquartier der indischen Armee in der Nähe der Stadt Uri im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir. Nach diesem Angriff sagte der indische Premierminister Narendra Modi: „Blut und Wasser können nicht gleichzeitig fließen“ . Indien setzte daraufhin die Sitzung der Indus-Wasserkommission aus und begann, nach Wegen zu suchen, wie sein Anteil am nach Pakistan fließenden Flusswasser genutzt werden kann. Obwohl es nicht so aussieht, als würde sich Indien auf die Aufkündigung des Indus-Wasserabkommens vorbereiten, geht aus der obigen Aussage von Herrn Modi hervor, dass Indien in Zukunft eine stärkere Kontrolle über seinen Wasseranteil an den West-Flüssen beanspruchen wird. Im Dezember 2016 kündigte die Weltbank eine Unterbrechung des Vertragsverfahrens an, ehe weitere Schritte zu unternehmen sind. 2017 weihte Indien das Kishanganga-Projekt ein.
Die aktuelle indische Regierung zeigt eine starke Haltung im Kampf gegen den Terrorismus. Wenn Indien das Indus-Wasser als Strategie nutzen würde, um Pakistan für seine Unterstützung des Terrorismus unter Druck zu setzen, würde die Situation für Pakistan sehr schwierig und viele Menschen müssten leiden. Der Indus ist der größte Fluss Pakistans. Es ist auch die wichtigste Wasserressource für 70 Prozent des pakistanischen Wasserbedarfs und 82 Prozent der Anbaufläche werden vom Indus bewässert.
So wie die indische Politik gegenüber den West-Flüssen weiterhin einvernehmlich sein sollte, sollte Pakistan auch der friedlichen Nachbarschaft Priorität einräumen. Darüber hinaus sollten globale Institutionen (wie die Weltbank, die Asiatische Entwicklungsbank und die UNESCO) darauf hinwirken, Probleme des internationalen Terrorismus einzudämmen, die sich auf internationale Verträge über die gemeinsame Nutzung von Wasser auswirken, insbesondere im Fall des Indus-Wasserabkommens. Ehe weitere internationale Wasserabkommen geschlossen werden, sollte die Weltbank zunächst die Fragen des Indus-Wasserabkommens berücksichtigen und dessen Erfolg durch ordnungsgemäße Umsetzung sicherstellen. Ich hoffe, dass das Abkommen diese schwierige Phase wie so oft zuvor übersteht und uns als erfolgreichstes internationales Wasserabkommen der Welt weiterhin inspiriert.
Swapnil Yadav
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